Offenbar glauben viele Leute, dass eine Kuh nur einmal gebären muss, um dann ihr Leben lang Milch zu geben.Andere meinen, die von ihnen konsumierte Milch sei jenes Erzeugnis, das übrigbleibt, nachdem die Kuh ihr Kälbchen gesäugt hat. Mit der Realität haben solche Wunschvorstellungen allerdings nichts zu tun.
Woher kommt die viele Milch?
Um ihr Kalb zu ernähren, würde eine Kuh täglich rund 8 Liter Milch geben. Bereits anfangs der 1980er Jahre waren es 14 Liter täglich – und zwar ausschliesslich für den menschlichen Bedarf. Mitte der 1990er Jahre stieg die Produktion auf 16 bis 18 Liter pro Tag an, heutzutage sind es im Schnitt 22 Liter Milch. Das ergibt (berechnet auf eine Laktationsdauer von 305 Tagen) bis zu 7.000 Liter im Jahr. Bei speziellen Rassen wie Holstein-Friesian, Jersey oder Brown-Swiss sind “Milchleistungen” von 10.000 Litern keine Seltenheit mehr.
Spätestens hier stellt sich die Frage: Wie werden derartige “Erträge” erzielt? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Kühe müssen ständig Milch liefern, und das können sie nur dann, wenn sie ständig Kälber gebären.
Besamt, gemolken, geschlachtet
Üblicherweise gebären Kühe erstmals nach 24 bis 32 Monaten, die Trächtigkeit dauert, wie beim Menschen, neun Monate. Ab der sechsten Woche nach Geburt des Kalbes lässt die Milchproduktion nach. Das ist der Zeitpunkt, da die Kuh bereits wieder “belegt” wird, d.h. von einem Bullen gedeckt oder, was heute die Regel ist, künstlich besamt, also zwangsgeschwängert wird.
Während dieser Phase wird sie weiterhin zweimal pro Tag gemolken. Abgesetzt werden die Melkmaschinen erst zwei Monate vor Geburt des zweiten Kalbes, damit sich das Alveolargewebe des Euters erholen kann. Die Phase der Milchabgabe, auch “Laktation” genannt, dauert somit 305 Tage pro Jahr.
Heutzutage gelten drei bis vier Geburten (= “Abkalbungen”) für die angestrebte Milchmenge als ausreichend, bei sogenannten Hochleistungskühen genügen offenbar bereits zwei Geburten. Dann haben die Tiere ausgedient und landen im Schlachthaus: “Verkürzte Nutzungsdauer”, nennt man das im Jargon. Heute lebt eine Milchkuh im Schnitt noch 4.5 bis 6 Jahre, obschon Rinder 20 Jahre und älter werden können.
Dass eine Kuh nur einmal ein Junges gebären muss, um dann ihr Leben lang Milch zu geben, trifft also nicht zu. Tatsache ist, dass den Kühen praktisch ununterbrochen Milch entzogen wird, während sie fast ununterbrochen schwanger sind.
Mutterlose Kälber
Von allem und jedem getrennt: Kalb im “Iglu” © tier-im-fokus.chIn der Dichtung oft besungen, von der Verhaltensforschung vielfach bestätigt – die innige Beziehung der Kühe zu ihren Kälbern gibt es tatsächlich. Nur werden die Familienbande in der industriellen Milchviehwirtschaft gezielt durchtrennt. Schon wenige Tage nach der Geburt nimmt man den Müttern – Biokuh hin oder her – ihre Kinder weg. Die Kälber werden häufig mit einem Milchersatz abgefertigt, in “Kälberiglus” gesperrt, dann nach Geschlechtern sortiert, dann gemästet, dann geschlachtet: die Bullenkälber nach einem halben Jahr mit einem Lebendgewicht von 200 Kilogramm, die Mastrinder ab 12 Monaten mit rund 500 Kilogramm. Auch da macht “Bio” keinen Unterschied.
Die Vorstellung, dass Milch ein Erzeugnis sei, das für den Menschen übrig bleibt, nachdem die Kuh ihr Kalb gesäugt hat, erweist sich spätestens jetzt als Trugbild: Die Erstmilch erhält das Kalb nur in den ersten Tagen nach der Geburt, und zwar aus einem Nuckeleimer.
Rentable Kälbermast
Aus den Reportagen von Manfred Karremann und anderen wissen wir: Alljährlich werden allein aus Grossbritannien eine Viertel Million Kälber unter nachweislich qualvollen Bedingungen nach ganz Europa transportiert, wo sie zu Kalbfleisch verarbeitet werden. Ein unbestritten lukratives Geschäft. Das lohnt sich auch für Deutschland, wo jedes Jahr 400.000 Mastkälber auf den Markt geworfen werden. Führend in der EU sind die Niederlande mit rund 800.000 Kälbern hinter Frankreich mit einem jährlichen Kontingent von einer Million.
Auch in der Schweiz wird von 716.000 Kälbern, die jedes Jahr zur Welt kommen, nur jedes dritte gross gezogen. Die restlichen werden zu Kalbfleisch verarbeitet.
Apropos vegetarisch
Angesichts dieser Zahlen sowie dem Schicksal, dem die Tiere ganz und gar unfreiwillig ausgesetzt sind, dürfte sich für einmal selbst eine Plattitüde bewahrheiten: Wer Milch will, kriegt auch Fleisch! Wenn auch Menschen, die (lakto-)vegetarisch leben, gerne für sich in Anspruch nehmen, dass ihretwegen keine Tiere getötet werden.
Das ist, man muss es laut aussprechen, eine bemerkenswert eingeschränkte Sicht auf ein Segment der Tiernutzungsindustrie, das mit einem penibel durchdachten System weibliche Rinder und deren Kinder restlos ausbeutet, tötet und verwertet.
Quelle



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